„Es sind Tiere.“ Ein Satz, den man so oder so verstehen kann, je nach Betonung. Mit diesem Satz beginnt das Buch von Thomas Pfenninger, dem Autor aus der Schweiz, der sich von aktuellen Katastrophen im Tierschutz hat bewegen lassen, das Buch über die zu schreiben, die noch leben.

Die noch leben – das sind diejenigen Rinder, die in dem Buch von Thomas Pfenninger während und nach einer Höllenfahrt auf einem Tiertransportschiff über das Mittelmeer noch leben – aber wie lange noch? Und vielleicht spiegeln diese Rinder, „die noch leben“, auch diejenigen Rinder wider, die diese Höllenfahrt in der ganz realen Welt durchmachen müssen – es sind viele Millionen jedes Jahr, auch aus Deutschland und der EU.

Das Buch Die noch leben ist angelehnt an die Ereignisse rund um die ganz real existierenden Tiertransportschiffe Karim Allah und Elbeik, die von Dezember 2020 bis März 2021 monatelang mit Tausenden Rindern beladen auf dem Meer trieben, weil die Zielstaaten die Schiffe nicht an Land gelassen haben. Nachdem die Schiffe den Ausgangshafen in Spanien im Dezember 2020 verlassen hatten, kam der Verdacht auf, dass einige der Tiere an der Blauzungenkrankheit litten. Die Zielhäfen in der Türkei und in Libyen wiesen die Schiffe ab, die daraufhin drei Monate auf dem Meer trieben. In dieser Zeit wurde versucht, andere Käufer für die insgesamt 2.600 Rinder zu finden. Nachdem dies misslang, kehrten beide Schiffe nach Spanien zurück, wo alle Tiere, die noch lebten, im Hafen von Cartagena getötet wurden.

Weder Spanien noch andere Länder der EU oder der übrigen Welt haben daraus gelernt. Täglich legen Tiertransportschiffe in vielen Häfen ab, um Millionen Rinder und Schafe in weit entfernte Länder zu bringen, wo die Tiere dann, sofern sie nach dieser Höllenfahrt noch leben, geschlachtet werden, meist unter grausamsten Bedingungen.

Pfenningers Roman spielt ebenfalls in Cartagena in Spanien. Vor dort aus wird auch in der Realität ein Großteil der aus Europa stammenden Rinder verschifft. Auf Schiffen mit wohlklingenden Namen wie Bruna, Queen Hind, Sarah M, Blue Moon oder Harmony Livestock. Schiffe, die einst Autotransportschiffe waren und die nun für unzählige Rinder genutzt werden und diese in den Tod fahren.

Teo, der Protagonist in Pfenningers Roman, ist das schwarze Schaf in der spanischen Familie mit dem Rindertransportunternehmen. Denn er ist Tierschutzaktivist und Vegetarier. Und er sieht in Tieren fühlende Lebewesen. Anders als der restliche Teil der Familie. Und Teo muss miterleben, wie sein Vater, der Inhaber des Rindertransportunternehmens, den Deal seines Lebens abwickelt und Tausende Rinder herbeischafft, um sie an einen guten Kunden in der Türkei zu verkaufen. Teo und seine Tierschutz-Freunde bringen vor der Verladung heimlich Kameras im Bauch der Almira an, dem Schiff, das die Rinder über das Meer bringen soll. Was dann passiert und was aus Teo wird, der seine Freundin vermisst, die spurlos verschwunden ist, aber auch den Rückhalt durch seine Familie oder wenigstens etwas Mitleid mit den monatelang auf dem Meer treibenden Tieren nicht findet, wird in dem Roman in einer mitreißenden Geschichte erzählt. Ob Teo es schafft, seine Überzeugungen und Werte zu wahren und sich abzugrenzen von Menschen, die nur das Geld hinter 750 Rindern sehen und während der Irrfahrt der Tiere auch leiden, aber nur, weil sie ihren Gewinn schwinden sehen, kann in dem sehr lesenswerten Roman nachgelesen werden.

Die noch leben ist ein empathischer Roman, und Teo ein sehr sympathischer Protagonist, dem man helfen und ihm beistehen will bei seinen von Herzen kommenden Versuchen, den Tieren, die auch seiner Verantwortung unterstehen, zu helfen. Denn er soll in das Unternehmen seines Vaters einsteigen. Doch er weiß letztlich auch nicht, was er tun kann. Und er ist hin- und hergerissen zwischen seiner Familie und seinen Freunden, den Tierschützern, die verschiedene Ansichten darüber haben, was den Tieren am meisten hilft – und Teos Vertrauen zu ihnen wird auf eine harte Probe gestellt, weil auch versucht wird, ihn, Teo, zu manipulieren. War die Irrfahrt der Tiere und deren Schicksal vielleicht sogar die Schuld der Tierschützer?

Ohne, dass Pfenninger dies ahnen konnte, hat sich die Katastrophe der Karim Allah und der Elbeik, die ihn für seinen Roman inspiriert hat, genau zum Zeitpunkt dessen Erscheinens wiederholt: Im September 2025 verlässt die Spiridon II beladen mit 2.900 Rindern – die Hälfte davon trächtig – einen Hafen in Uruguay zu einer einmonatigen Überfahrt über den Atlantik in die Türkei. Die türkischen Behörden verweigern dem Schiff Ende Oktober 2025 das Anlegen wegen Problemen mit Dokumenten. Einen ganzen Monat wartet die Spiridon II mit den Rindern an Bord vor der türkischen Küste. Bereits während der Überfahrt gebären 140 der trächtigen Rinder ihre Kälber. Wasser und Futter gehen zur Neige. Zu diesem Zeitpunkt sind nach offiziellen Angaben bereits 58 Tiere gestorben, auch viele der neugeborenen Kälber sind gestorben. Ohne in der Türkei anlanden und die Tiere entladen zu dürfen dreht die Spiridon II Ende November 2025 wieder ab und scheint zunächst zurück nach Uruguay zu fahren. Die Tierschutzorganisation Animal Welfare Foundation (AWF), die auf Tiertransporte per Schiff spezialisiert ist und den Fall verfolgt, schreibt auf ihrer Website: „Vor Tunesien schaltete die Spiridon II ihr Ortungssystem plötzlich aus und war drei Tage lang verschwunden. Dann tauchte sie plötzlich in der Gegenrichtung wieder auf: in Bengasi (Libyen). Dort wurden laut unseren Quellen 2.700 Tiere ausgeladen. Nach offiziellen Angaben sollen es alle gewesen sein. Die traurige Bilanz: über 340 Tiere (inklusive der neugeborenen Kälber) haben die Horror-Fahrt wohl nicht überlebt. Was mit ihnen geschah, ist unklar; wir vermuten, dass ihre Körper während der Funkstille im Mittelmeer entsorgt wurden.“

(https://www.animal-welfare-foundation.org/blog/spiridon-ii-mindestens-340-tote-tiere-die-ueberlebenden-in-libyen-ausgeladen).

 

Die noch leben von Thomas Pfenninger ist im September 2025 im Kommode Verlag erschienen.

ISBN: 978-3-905574-57-9

 

Der Text dieser Rezension ist hier abrufbar.